Der Einserschüler oder verloren im Wald mit Bäumen

Brendon Burton

Er war ein Einserschüler. Eine Klasse über mir. Hoch gebildet. Detailverliebt. Strebsam. Fleißig. Einser-Abi. Blond. Also genau das Gegenteil von mir!

Jetzt drückten wir also gemeinsam die Unibank, da ich nicht zum deutschen Bund als Türke musste (hätte ich mal lieber!). So hatten wir auch die gleichen Fächer und Prüfungen.

Meine mündliche Prüfung im Hauptstudium für Praktische Informatik stand mir bevor. Bereits als ich in den Bus zur Uni stieg, rebellierte mein Magen. Vorwürfe wie „hätte ich doch mehr getan“ oder „früher gelernt“ gingen mir immer wieder durch den Kopf. Jetzt, genau jetzt, war ich demütig und ein bisschen verängstigt. Meine große Klappe der Vortage war verflogen. Verdammt, nur eine Woche mehr, das wär‘s eigentlich! Aber ich kannte mich zu gut, um zu wissen, dass eine Woche mehr Zeit für mich eine Woche später mit dem Lernen anfangen bedeutet hätte.

Vorprüfung
Als ich in der Uni eintraf, hatte ich noch eine halbe Stunde Zeit bis zu meiner Prüfung. Das mag ich nicht. Was ich aber besonders nicht mag, ist jemandem vor mir anzutreffen, der seine Prüfung schlecht abgeschnitten hatte und verzweifelt einen vollquatscht, was man hätte lernen müssen! Und da stand ich also vor meiner Prüfung und wurde von ihm, dem Einserschüler, vorabgeprüft!

Ich verstand sein Bedürfnis, über sein persönliches Scheitern reden zu wollen, aber meine Prüfung stand mir noch bevor! Er, der Einserschüler, hatte seine Prüfung mit der Note 3 bestanden. Er konnte es nicht fassen. Ob ich das gelernt oder eine Antwort auf diese Frage hätte. Er bombardierte mich mit so vielen Dingen, dass ich allmählich nervös zu werden anfing. War das wirklich die gleiche Prüfung für die wir gelernt hatten?

Nein, beantwortete ich seine Fragen oder sagte schlicht, ich wisse es nicht. Ich schaute auf die Uhr. Ich hatte nur noch zehn Minuten.

Ich muss los, sagte ich ihm. Endlich konnte ich weg.

Wald vor lauter Bäumen
Was war denn das, fragte ich mich auf dem Weg zur Prüfung als mir plötzlich etwas klar wurde. Er hatte einen Fehler begangen, der auch vielen wie ihm unterläuft – sie lernen Dinge nahezu auswendig. Sie sind nicht in der Lage, zu abstrahieren. Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Fragte man ihn, was ein Wald sei, so verfing er sich in Details. Ging auf den einzelnen Baum über. Erklärte den Blattaufbau und man befand sich plötzlich mitten in der Photosynthese mit den Chloroplasten. Das kann zwar alles richtig sein, ist jedoch nicht die Antwort auf die Frage!

Auch die Frage, wie viele Bäume einen Wald ausmachen, hätte ihn verwirrt oder vielleicht hätte er genau diese Definition vorab auswendig gelernt und jede Abweichung hätte ihn verunsichert. Fragen außerhalb des Waldes konnte er gar nicht beantworten. Vereinfacht gesagt, konnte er Wissen abrufen, aber es nicht anwenden oder daraus wirklich eine neue Qualität gewinnen. Er besaß die Kompetenz, aber nicht die Performance.

Schachspiel
Für die Begriffe „Kompetenz“ und „Performance“ verwendete mein Informatik-Professor das sehr anschauliche Beispiel mit dem Schachspiel. Kompetenz bedeutet, die Regeln im Schachspiel zu kennen. Performance hingegen bedeutet, Schach wirklich spielen zu können!

Prüfung
Als ich den Prüfungsraum betrat, war ich noch immer nervös, aber nicht wegen ihm. Tatsächlich stellte mir mein Prof. eine Frage, die er auch zuvor gestellt hatte. Ich sagte, ich hätte diese Stelle zwar im Script gelesen, da sie aber das gleiche Problem wie im vorherigen Kapitel behandelt, das wir eben besprochen hatten, hatte ich mir keine Details gemerkt. Mein Prof. hielt kurz inne und dachte nach.

Stimmt, sagte er überrascht.

Als meine Prüfung zu Ende war, sollte ich den Raum verlassen, damit er sich mit dem Mitprüfer, der eigentlich nur Protokoll führt, beraten konnte. Kaum hatte er mir freundlicherweise die Tür geöffnet, rief er seinem Mitarbeiter „sehr gut, oder!“ zu. Der nickte.

Lernen
Bestimmt wusste der Einserschüler mehr als ich. Er war auch ein kluges Köpfchen, das wusste ich. Nur hatte ich neben den Fakten auch versucht zu verstehen, woher etwas kam, wie es historisch zu den Fakten kam, denn alles hatte eine Geschichte. Die Fakten waren größtenteils Antworten auf Probleme oder Fragen seiner Zeit, die wiederum zu neuen Problemen oder Fragen führten.
Ich hatte aber noch etwas darüber hinaus gemacht – ich habe mich in die Prüfungssituation versetzt – aber in die des Profs!

Die Profs planten nahezu alle Prüfungen an einem Tag, d.h. sie saßen den ganzen Tag mit Studenten und mussten sie nahezu das gleiche Fragen, wohlmöglich die Antworten aus der Nase der Studenten ziehen. Etwas Langweiligeres konnte ich mir nicht vorstellen! Also bereite ich meine Prüfung als lebendige Erzählung vor. Egal welches Stichwort oder Frage der Prof. mir gab, ab diesem Punkte konnte ich die gesamten Vorlesungsinhalte miteinander verknüpfen und anhand der mir wichtigen Punkte die Antwort gestalten. Natürlich konnte ich so meine Stärken in bestimmten Bereichen hervorheben und Schwächen kaschieren;-)

Mein Studium liegt jetzt mehr als eine Dekade hinter mir. Vor einigen Jahren hörte ich wieder von ihm. Er sagte, er sei dabei, sein Studium abzuschließen. Ihm fehlten nur noch ein, zwei Scheine…

photo credit: Brendon Burton via photopin cc


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