Verbale Misstimitäten

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Einige Männer meinen nicht nur an kalten Wintertagen vermeintlich heiße Sprüche reißen zu können, die einem die Schamesröte ins Gesicht treibt und zugleich alles andere gefrieren lässt, sondern sie sind allzeit bereit und genug bewaffnet, ihr Können auf jede Frau loszulassen und das nur, weil sie nett zu ihnen war oder einfach mit ihnen geredet hat.

In Form eines anstößigen Witzes, einer sich anbiedernden Verbalverrenkung oder einer anzüglichen Bemerkung, die sie in vermeintliche Komplimente verpacken, tasten sie sich mal devot, mal dominant, mal zaghaft, mal grob an das Objekt ihrer Gelüste heran. Das banal Verbale hängt sich immer an dem Äußeren der Frau auf, umfasst nur Teile ihres Körpers und niemals sie als Ganzes. Vielleicht kennen sie sonst keine anderen Formen, sich anderen Menschen anzunähern. Letztlich entblößen sie sich selbst dabei als völlig unbeholfen und offenbaren ein noch kindlich-naives Verhältnis zu Frauen, das durch ihre Einseitigkeit genährt und aufrechterhalten wird.

Mit ihren ungelenkten Sprüchen versuchen sie, die sexuelle Bereitschaft der Frauen anzutesten und nebenbei ihr eigenes Interesse an ihnen kundzutun – als ob eine Frau genau darauf warten würde oder einen Anlass bräuchte, um mit ihm ins Bett zu springen! Dabei weiß fast jede Frau schon nach einem flüchtigen Blick, wie sie einen Mann einzuschätzen hat, besonders wenn sie so gar kein Interesse an ihm hat!

Nicht immer bemerkt man das als Mann. Vielleicht bringt man bedauerlicherweise selbst unbemerkt in abgeschwächter Form etwas Ähnliches zustande? Aber als ich vor einigen Jahren mit Projektkollegen zu Mittag ging, wurde ich Ohrenzeuge eines sonderbaren, mir befremdlichen Gesprächs – wobei, es war nur einseitiger Natur.

Obwohl es recht kalt und verschneit war, waren wir zu Fuß unterwegs. Die frische Lust tat gut. Ich war gedanklich ganz woanders bis mich plötzlich die Frage eines Kollegen wieder ins Jetzt holte.

»Hast du deine Beine rasiert?«, hörte ich ihn fragen.
»Ja, gestern«, antwortete sie trocken.

Noch bevor ich meinen Kopf irritiert zu ihm drehen konnte, um mich zu vergewissern, dass er sie tatsächlich gefragt hatte, hatte sie bereits geantwortet. Wow, die kalte Winterluft war scheinbar erfüllt von elektrisierender Erotik. Man konnte förmlich den dahinschmelzenden Schnee mit den Händen greifen!

Ich schaute zu ihr. Sollte ich hier eingreifen oder etwas dazu sagen? Sie blieb absolut cool. Zuckte keine Sekunde. Wirkte souverän. Sie war eine junge, attraktive Frau. Ende zwanzig.

Dann schaute ich zu ihm hinüber. Er freute sich und lachte zufrieden. Auch Ende zwanzig. Sein Gesicht wirkte irgendwie schief. Sie arbeiteten in dem Projekt in einem Team. Auf Augenhöhe. Vermutlich war ihm daher nicht klar, dass er niemals eine Chance bei ihr haben würde. Vielleicht nahm sie ihn nicht mal mehr als Mann wahr. Vielleicht war er als Mann bereits ohne es zu wissen, selbst rasiert – allerdings an ganz anderer Stelle.

Nein, sie brauchte wirklich keine Hilfe. Sondern er!

photo credit: Andrea Rinaldi via photopin cc


Ein Gedanke zu “Verbale Misstimitäten

    Reposts

    • Hakan von C

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