Abarbeitungsmodus.

In letzter Zeit stieg mein Emailaufkommen rapide an. Ich verlasse meinen Arbeitsplatz. Nur kurz. Ein Fehler. 20 neue Mails! Was ist passiert? Ist gerade die Welt untergegangen? Nein. Ein Kettenbrief mit Kettenreaktion. Normal. Die Mail sucht sich durch ein Gewirr von Menschen seinen Bestimmungsort. Bei mir wird er nicht heimisch.

Zwei weitere Mails.
Jetzt habe ich 38 ungelesene Mails.

Bevor noch weitere Eintreffen, beschließe ich, sie kurz zu überfliegen und wenn möglich, schnell zu beantworten.

Zwei weitere Fehler. Diesmal kurz und schnell.

A-Punkt sucht ein Dokument mit der beschlossenen Kundenanforderung. B-Punkt ist in CC und wartet darauf. Welches Dokument?, tippe ich ein. Beschließe, an C-Punkt zu senden mit den anderen in CC. Weißt du, wo das Dokument abgelegt ist? Senden.

Nächste Mail.
Bitte wenden sie sich an fxhakan was dieses Thema betrifft. Reden nicht mit mir, sondern über mich. Toll! Wer ist das und wobei soll ich hier unterstützen? Und überhaupt. Mit diesem Thema habe ich nichts zu tun. Weiterleiten an die drei Kollegen D-Punkt, E-Punkt und F-Punkt. Kennt einer den von euch? Senden.

Wieder zwei neue Mails. Zum Dokument mit Kundenanforderung. Selbst Schuld! Meine Frage war nicht konkret genug an C-Punkt adressiert. A- Punkt fühlte sich auch angesprochen. A-Punkt klärt wegen des Hintergrunds auf. C-Punkt liefert das Dokument mit Verlinkung aufs Portal. Erledigt!

Merken. Präzise sein! Unnötige Mails verhindern.

Kollege E-Punkt leitet Mail weiter. G-Punkt könnte es wissen. Ich bin in CC. In der Zwischenzeit antwortet Kollege F-Punkt. Weiß er nicht. Ok. Macht keinen Sinn. Ich frage den Unbekannten direkt selbst. Senden.

Merken. Direkt die betreffende Person fragen.

Unbekannter entschuldigt sich. Ich war nicht gemeint. Bevor weitere Mails eintreffen, schreibe ich den Kollegen E-Punkt und G-Punkt, dass sich die Sache mit dem Unbekannten geklärt hat. Senden.

Merker von oben wurde bestätigt!

Kollege G-Punkt wird neugierig. Wer das denn gewesen sei. Mist, gegen alle Merker von eben verstoßen!

Merken. Keine Fragen aufwerfen, nicht zu viele Personen anschreiben und vor allem alle Merker einhalten!

Ich antworte ihm jetzt nicht. Ich habe gerade Mal zwei Mails abgearbeitet, die insgesamt dazu führten, dass die beiden Mails sieben Mal erneut in meinem Postfach auftauchten! Währenddessen kamen zusätzlich weitere Mails. Ich muss weitermachen.

Nächste Mail. Diesmal langsamer. Ich nehme mir vor, meine eigenen Merker einzuhalten. Das ist auch besser, denn schnelle Antworten führen zu weiteren Mails.

Merken. Nicht so schnell antworten. Denn dann gibt es nicht so schnell eine weitere Mail von den gleichen Personen!

H-Punkt schreibt hier etwas über eine Umsetzung. Wann die fertig sei. Darüber hatten wir doch letzte Woche gesprochen. In einem gemeinsamen Meeting. Vielleicht braucht er Merker! Ich suche die Mail mit dem Protokoll zum Meeting und leite sie an ihn weiter.

Allmählich beruhigt sich mein Postfach. Man merkt, dass die meisten in den Feierabend gehen. Mittlerweile haben sich viele Mails von selbst erledigt. Es hat gewisse inflationäre Züge. In dem Moment, wo die Mails geschrieben werden, sind sie meistens unheimlich wichtig. Mit fortschreitender Zeit verlieren die meisten jedoch ihre Dringlichkeit und lösen sich von selbst auf.

So schaffe ich es auch endlich, fertig zu werden. Jetzt kann ich auch in Ruhe Feierabend machen. Ein Anruf kommt noch dazwischen. Firmenhandy. Kurzer Stress. Zum Glück war es dann doch nichts Kritisches. Es handelte sich um eine Frage, die wir schnell klären konnten. Per Mail hätte es ein Hin und Her gegeben. So geht es auch. Jetzt kann ich aufhören.

Nein. Doch nicht. Zehn weitere Mails. Woher kommen die denn her?

Eine Bekannte.
Was schreibt sie denn?
Aha. Ihre Woche sei anstrengend gewesen. Ok, meine auch. Jetzt will ich sie auch beenden.
Aber es ginge ihr gut. Schön zu hören! Und gut. Ich brauche sie nicht mehr danach zu fragen. Würde eh zu einer weiteren Mail führen. Merker eingehalten.
Wie es mir ginge, fragt sie. Das war‘s.
Sehr schön. Kurz. Informativ. Leicht beantwortbar. Keine Gefahr für Missverständnisse!

Ok. Schnell hineinklimpern. Bevor ich die Antworten vergesse.
Meine Arbeitswoche. Wechselhaft. Diesmal mit positivem Ausgang zum Wochenende hin.
Daher ginge es mir gut. Yuhu! Nein, nicht ausschweifend werden. Wünsche ihr ein schönes Wochenende.
Klick. Senden. Erfolg.

Nächste Mail. Beginne von vorn.

Moment!

Das war doch keine normale Mail! Nein, es ist eine private Nachricht von einer netten Bekannten! Das Telefonat hat mich in den Arbeitsmodus zurückgeholt ohne dass ich es gemerkt hatte. Ich vergaß, dass ich mich gerade auf meinem privaten Postfach mit meinen persönlichen Nachrichten befinde. Verfiel sofort wieder in diesen Modus.

Verdammt!

Ich bin gerade dabei, meine privaten Mails im wahrsten Sinne des Wortes abzuarbeiten! Ich hatte mich über ihre Mail gefreut. Ich wollte sie in Ruhe und gemütlich beantworten. Hatte sie deshalb noch nicht beantwortet. Erst nach der Arbeit, sagte ich mir. Jetzt hatte ich sie behandelt, als sei sie eine zu bewältigende Arbeitslast.

Ich öffne meine gesendete Mail. Kurz. Knapp. So klingt sie hastig, abgehackt, kühl, distanziert. Unpersönlich. Ich schaue mir ein paar weitere Mails von mir an. Auch an andere. Weiter bei Facebook. Auf WhatsApp. Früher hatte ich seitenlange Nachrichten geschrieben, erinnere ich mich. Damals war es etwas Besonderes. Jetzt sind die Messages kurz und schnell. Ebenso inhaltsleer. Aber mit mehr Fehlern dank der automatischen Rechtschreibkorrektur.

Keine Ahnung, warum man sich schreibt, ohne darin sich wirklich etwas zu sagen. Ich glaube, die Technik und das Internet sind schuld daran;-)

Ein Gedanke zu “Abarbeitungsmodus.

    Die Kommentarfunktion ist geschlossen.