Das seltsame Verständnis von Schnäppchen und Sparen


50% Sale by andy

Am Jahresende gehe ich fast schon traditionsgemäß auf Shoppingtour. Da nehme ich mir mehrere Wochen Urlaub am Stück und habe genug Zeit und Muße für die unwichtigen, aber schönen Dinge des Lebens. Als ich diesmal unten durch den Tunnel Jahnplatz Forum in Bielefeld ging, fielen mir die vielen leerstehenden Läden auf. Mir war bereits die Jahre zuvor aufgefallen, dass hier häufiger einige Ladenlokale immer wieder Räumungsverkäufe veranstalteten und anschließend geschlossen hatten. Nach einer gewissen Zeit schien ein anderer Laden an den Platz gerückt zu sein. Doch jetzt erschien es mir wie ein schleichender Ausverkauf.

Oben in der Einkaufsstraße jedoch bot sich mir ein ganz anderes Bild. Unglaublich viele Menschen drängten eilig durch die Straße. Strömten in die Läden. Vermutlich war das ganz normal für einen Tag nach Weihnachten. Entspannt einkaufen hatte ich mir anders vorgestellt. Also betrat ich auch einen Laden eines bekannten Textilunternehmens.

Ich war schockiert! Ich stand starr direkt am Eingang für einige Sekunden. Blickte mich um. Nur meine Augen bewegten sich. Drinnen sah es aus als hätte eine Bombe eingeschlagen! Es glich einem Schlachtfeld, auf dem bereits mehrere Kämpfe stattgefunden hätten und jetzt dem Ende zugingen.

Wer hier nicht schnell reagierte und Schwäche zeigte, ging leer aus, war der Gedanke, der mir durch den Kopf schoss. Den Grund musste ich nicht suchen. Schnäppchen! Vor den Kassen hatten sich sehr lange Menschenschlangen gebildet. Und schon hatte ich keine Lust mehr.

Ich riss mich zusammen und ging in die Abteilung für Männer. Zu meinem Erstaunen sah es hier ordentlicher, etwas ruhiger aus. Nach einem flüchtigen Blick war mir klar, hier finde ich nichts und kaufe mir auch nichts! Ich mag diese Schnäppchenmentalität nicht!

Doch bevor ich hinaus gelangte, entdeckte ich ein bekanntes Gesicht und sie mich.

„Was machst du denn hier?“ Eine ziemlich dumme Frage, denn das war ja offensichtlich, aber mir war irgendwie nicht nach Reden. Hätte ich auch lassen sollen, denn die anschließende „Diskussion“ war nur überflüssig.

Sie holte eine cremefarbene Bluse hervor. Hielt es mir fast schon unter die Nase, als ob ich die Schönheit des Kleidungstücks erriechen sollte. Vielleicht wäre das auch besser gewesen, denn in visueller Hinsicht konnte ich nichts daran erkennen.

„Schick, oder?“, fragte sie mich und bevor ich antworten konnte führte sie voller Stolz fort, „es ist reduziert!“

Was hatte sie denn hier sonst erwartet, fragte ich mich zum Glück nur selbst und hätte es beinahe ausgesprochen. Ich war froh über ihre letzte Aussage, denn damit konnte ich ihrer Eingangsfrage ausweichen. So konnte ich etwas hölzern und unkreativ ihr letztes Wort aufnehmen, es in eine Frage verpacken und ein weiteres Wort dranhängen:

„Reduziert? Wie viel?“

„Von 59,90 € auf 39,90 € heruntergesetzt“, sagte sie und schob ein „ich spare 20,- €“ noch triumphierend nach.

Soviel rechnen konnte ich auch ohne ihre Hilfe. Zugegeben, irgendwie verstand ich sie nicht und war leicht genervt!

„Wieso sparst du 20,-€?“, fragte ich sie jetzt etwas provokant.
„Du gibst doch 39,90 € aus!“

Ich blickte sie gespannt an. Sie hingegen schaute mich etwas verwirrt und fragend an. Mir fielen ihre hellen Augen und ihre schön geschwungenen Augenbrauen auf, die gezupft waren. Ihre kleine Nase wirkte etwas frech. Eigentlich ist sie ganz süss, dachte ich mir, während sich langsam ein Kräuseln auf ihrer Nase bemerkbar machte.

„Brauchst du wirklich diese Bluse? “, setzte ich noch einen drauf. „Vermutlich hast du genug Blusen und hättest diese hier nicht gekauft, wenn es nicht herabgesetzt worden wäre!“ Jetzt begannen sich Falten um ihre Stirn zu bilden.

„Oder?“, schob ich schnell noch hinterher, um vielleicht noch etwas zu retten.

Zaghaft und leise sagte sie „ja“ und fügte ein „vielleicht“ hinzu. Das passte ihr ganz und gar nicht. Diese Wendung hatte sie bestimmt nicht erwartet. Ihr fröhliches Gesicht war verschwunden. Sie blickte nachdenklich auf die Bluse, die wie ihre Arme schlaff an ihrem Körper herabhing. Ein Moment der Stille trat ein. Dann hob sie ihren Kopf und blickte mir energisch in die Augen.

„Ich muss das jetzt hier bezahlen“, sagte sie, während sie auf ihrem Absatz eine Wende vollführte und wegging. Nach einem Schritt blieb sie jedoch stehen und warf mir keck „und die gesparten 20,- € ausgeben“ über ihre rechte Schulter herüber.

Vermutlich, dachte ich mir, hatte sie sich gefreut und wollte diese Freude mit mir teilen. Vielleicht noch ein bisschen Bestätigung, Anerkennung und Lob bekommen. Mehr nicht. Das nächste Mal sage ich einfach nur: „das ist wirklich schön und sieht an dir bestimmt ganz toll aus!“

photo credit: AndyWilson via photopin cc

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