Besinnliches

Japan Santa by shibuya246

Es ist abends und ich eile noch schnell zum Supermarkt.

Von den Lautsprechern rieselt leise die Weihnachtsmelodie „Stille Nacht“. Jetzt erst fällt mir auch die Weihnachtsdekoration auf. Leuchtende Sterne. Lichterketten. Nussknacker. Farben in Weihnachtsmannrot, Engelsgold und in gesprenkeltem Weiß, das sich wie Schneeflocken gemütlich um die Waren gelegt hatte.

Nett, denke ich mir und fange an, etwas langsamer zu gehen. Nur kein Stress machen! Dann muss ich auch nicht die Frau vor mir überholen. Indes schiebt sie hastig ihren Einkaufswagen vor sich im Gang her. Stets den Kopf nach links und rechts werfend. Ihr Blick hastet von einem Regal zum anderen. Scannt in Windeseile die Waren. Mit einem Mal entdecke ich drei Kinder bei ihr, die sich zwischen ihr und dem Einkaufswagen umhertummeln.

Es waren zwei Mädchen mit blondem, langem Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatten und ein kleiner Junge, der um einiges jünger als seine beiden Geschwister war. Er war nicht einfach zu sehen mit seinen dunklen Haaren und Augen, denn er befand sich zwischen der Mama und dem Einkaufswagen. Er schien sich dort wohl zu fühlen. Vermutlich war es eine Art Höhle für ihn, in dem er sich versteckte, Schutz und Geborgenheit fand. Mütter, denke ich mir, fänden dieses Szenario rührend. Aber was dann passierte bestimmt nicht!

Abrupt hält die Mutter an. Stürmt zu den Regalen auf der linken Seite. Und plötzlich ertönt ein Schrei!

Sie dreht sich sofort zum Einkaufswagen. Dort steht der kleine Junge. Weinend. Mit seinem schmerzverzerrten Gesicht und der Hand an der Stirn. Die andere Hand streckt er hilfesuchend zu seiner Mutter. Er hatte den plötzlichen Stopp seiner Mutter nicht mitbekommen und war mit dem Kopf gegen den Einkaufswagen gelaufen!

Sie aber schreit ihn an. Aggressiv. Ihr ganzes Gesicht ist vor Wut verzerrt und voller Falten. Sie faucht ihn mit hochrotem Kopf an als würde ihr ganzer Hass sich in diesem Moment an diesem Kind entladen.

Ich erschrak und zuckte zurück. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob oder was sie gesagt hatte. Ich weiß nur, wie überrascht ich war. Ebenso der kleine Junge. Er schloss seinen Mund und riss zugleich die Augen auf. Seine kleine Unterlippe fing zu beben an. Er drehte sich langsam zu seinen beiden Geschwistern um. Schaute sie verängstigt an. Beide taten genervt. Blickten ihn mit strengem und strafendem Blick an. Auch dort fand er kein Mitleid oder Trost.

Er dreht sich von allen weg. Versteckt sein Gesicht hinter dem Einkaufswagen und fängt leise an, vor sich hinzuwimmern.

Inzwischen spielen sie das nächste Weihnachtslied.

photo credit: shibuya246 via photopin cc