Wie ich durch Zufall auf Gymnasium kam

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Gerade habe ich ein interessantes Interview über Diskriminierung im deutschen Bildungssystem mit der Soziologin Jutta Allmendinger im SPON[1] gelesen. Darin erzählt sie von ihrem Patenkind und seinen drei Freunden, deren gemeinsamer Lebensweg bereits im Kindergarten begann und dann nach der Grundschule sich stark auseinander entwickelte. Eines der Kinder war Erkan und im Gegensatz zu ihrem Patenkind kam er trotz seiner Fähigkeiten nicht auf das Gymnasium. Diese Geschichte erinnert mich daran, dass ich zunächst auch nicht auf das Gymnasium sollte und nur durch Glück und Zufall es dennoch schaffte. Wäre das nicht geschehen, stünde ich bestimmt einem anderen, schlechterem Leben gegenüber.

Mein Grundschullehrer meinte, ich könnte es schaffen, sei aber für das Gymnasium nicht geeignet und daher wurde ich auf einer Gesamtschule in Bielefeld eingeschrieben. Nähere Gründe kannte ich nicht. Das war das, was mir meine Eltern darüber erzählten. Was meine Noten betraf hatte ich einen Notendurchschnitt von 2,3 – damit sollte ich auch heute noch diese Anforderung für ein Gymnasium erfüllen[2]. Ich bekam sogar einen gelben Schein von der Grundschule, weil ich so gut gewesen sei, erzählte mir meine Mutter. In meiner Klasse lag ich damit an dritter Stelle, nur zwei Mädchen waren besser als ich. Die eine hatte eine Zwei mehr und die Klassenbeste hatte einen Durchschnitt knapp unter Zwei. Beide sollte ich später auf dem Gymnasium wiedersehen und eine davon viel später bei ihrer Arbeit.

Eines Abends, ungewöhnlicherweise mitten in der Woche, gingen wir Bekannte besuchen. Ich sollte mein Zeugnis mitbringen. Dort angekommen schaute sich die ältere Tochter mein Grundschulzeugnis an. Es herrschte jetzt Ruhe. Das Licht in allen Zimmern war gedimmt. Irgendwie fühlte ich mich unwohl und war doch gespannt, was als nächstes passiert. Und dann plötzlich ruft sie empört heraus „er gehört aufs Gymnasium!“.

Sie selbst war auf einem und wollte mein Zeugnis mitnehmen, um es dort vorzuzeigen. Als nächstes erfuhr ich, dass ich jetzt auf diesem Gymnasium eingeschrieben war. Mir war damals nicht im Geringsten klar, was das für mich bedeutete. Ich vermute, meinen Eltern auch nicht. Es war aber eines der wichtigsten Begebenheiten für mein Leben ausgelöst durch ein zufälliges Gespräch zwischen ihrer Mutter und meiner Mutter, dem sie auch mit einem Ohr beigewohnt hatte. Die Mutter riet meiner Mutter dezent, mich aufs Gymnasium zu schicken. Sie hingegen ging da forscher vor und griff aktiv in mein Leben ein, um es in eine andere, bessere Bahn zu lenken. Leider erinnere ich mich an beide nicht mehr.

An meinem ersten Schultag traf ich zwei weitere Schüler aus meiner Parallelklasse. Also waren wir insgesamt fünf Kinder aus meiner Grundschule.

Die erste Zeit war wirklich schwierig und meine Noten verschlechterten sich. Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich die Note „ausreichend“ und kaum hatte ich mich daran gewöhnt, lernte ich auch das „mangelhaft“ kennen.

Das lag an einer gefährlichen Mischung aus Sprachmangel, Faulheit und „schlechtem Umgang“, denn ich hatte einen Klassenkameraden, mit dem ich unentwegt Blödsinn trieb und auch den Unterricht laufend störte. Doch ich hatte das Glück, dass meine Lehrer gegenüber mir wohlwollend gesonnen waren und an mich glaubten. Noch heute finde ich das außergewöhnlich! Damals allerdings wusste ich so etwas nicht zu schätzen. Ich schaffte es immer, genug zu leisten, um weiter zu kommen. Dabei halfen mir natürlich auch Nachhilfestunden.

In der Zwischenzeit verschwanden die vier Grundschulkollegen von der Schule. Irgendwann fiel mir auch auf, dass es nur zwei Türken an der gesamten Schule gab. Es stellte sich heraus, dass ich der intelligenteste und netteste Türke war, den meine Schulkameraden kannten. Vermutlich war ich auch der einzige. Meine Noten verbesserten sich auch. In der Oberstufe gab ich dann Nachhilfe. Mein Abitur schaffte ich auch, aber diese Note möchte ich an dieser Stelle nicht nennen, nur so viel – es war eine Zwei vor dem Komma;-)

Danach studierte ich erfolgreich Informatik und habe jetzt einen gutbezahlten Job als Berater.

Eines Tages kam mein Vater zu mir und sagte „ich habe deinen alten Grundschullehrer getroffen“. „Er fragte, was du so machst. Ich hab ihm gesagt, du hast an der Uni dein Diplom mit Eins gemacht.“ Daraufhin hätte mein Grundschullehrer verdutzt und überrascht geschaut und etwas wie „damit hätte er nicht gerechnet“ gesagt.

Mein Grundschullehrer war ein sehr liebvoller und guter Lehrer, und er hat bestimmt das Beste für mich gewollt. Hätte ich nicht die Unterstützung all der Menschen, hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft oder wäre sitzen geblieben, denn meine Eltern konnten mir so nicht helfen. Allerdings hätte er dies meinen Eltern kommunizieren und ihnen Wege aufgewiesen können wie z.B. gezielte Nachhilfe oder Zusatzunterricht oder Sprachunterricht etc., so dass meine Eltern dann hätten anders entscheiden können. So aber folgten sie dem Rat meines Lehrers. Meine Eltern gehören einer Generation an, die es nicht gewagt hätte, einer Respektsperson wie einem Lehrer zu widersprechen oder sie/ihn in Frage zu stellen. Meine Eltern wussten nicht viel, sie waren aber immer bereit, alles für mich zu tun, um mich egal wie auch immer zu unterstützen. Sie brauchten nur jemanden, der ihnen aufzeigte, worin diese Unterstützung liegen könnte, was auf dem Gymnasium durch meine Lehrer auch geschah.

Vor wenigen Jahren traf ich die Klassenbeste aus meiner Grundschule wieder. Sie stand braungebräunt hinter der Theke in einem Solarium. Hauptberuflich. 400 Euro Job. Alleinerziehend. Ich war geschockt, denn sie war damals sehr intelligent und eine Einserschülerin. Immer dachte ich, sie wird es von uns am weitesten bringen. Ich fragte mich, was ihre Lebensumstände waren, die sie hierher führten. War es auch nur ein zufälliger Moment…

photo credit: tony’s pics via photopin cc

Quellen & Links

[1] Jan Friedmann: “Erkan war mindestens ebenbürtig”. In: SPON. URL: http://www.spiegel.de/schulspiegel/ungerechtigkeit-in-der-schule-allmendinger-kritisiert-bildungssystem-a-857156.html (28.09.2012).

[2] Anforderungen fürs Gymnasium: Welche Regelungen gelten. In: Elternwissen. URL:
http://www.elternwissen.com/schule-und-eltern/uebertritt-gymnasium/art/tipp/anforderungen-fuers-gymnasium-welche-regelungen-gelten.html (28.09.2012).


Ein Gedanke zu “Wie ich durch Zufall auf Gymnasium kam

  1. Heute auf SPON gelesen:

    “Auslese” fürs Gymnasium
    So sortiert Deutschland seine Kinder aus

    »Wer darf aufs Gymnasium – und wer nicht? Diese Frage setzt ganze Familien unter Stress und zeigt, wie fragwürdig die Selektion von Grundschülern ist. Als Extrembeispiel gilt Bayern. Der Mai ist hier ein besonderer Monat.«

    »[…] Die Selektion der Kinder nach der vierten Klasse hält er für zu früh. Zumal der Druck nicht unbedingt nachlässt, wenn der Wechsel aufs Gymnasium geschafft ist: “In den Klassen fünf, sechs und sieben wird oft weiter ausgesiebt, sodass Kinder wieder abgeschult werden‹, sagt Löwe. Das ganze System ziele auf Aussonderung. “Das ist kinderfeindlich.”«

    URL: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/bayern-auslese-fuers-gymnasium-belastet-grundschueler-und-eltern-a-1145393.html, Stand 13.05.2017

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