Das Placebo-Bier

Anhängern der Homöopathie dürfte der Effekt längst bekannt sein. Je stärker ein Mittel verdünnt wird, umso wirkungsvoller soll er sein. Jedoch im Zusammenhang mit Alkohol dürfte das nicht wie im Folgenden evaluiert worden sein. Wir waren jung. Uns schwebte damals alles andere vor als genau diesen Hauch von Nichts unfreiwillig auszuprobieren. Abgesehen davon, die Homöopathie war damals auch noch nicht in Mode.

Unberauscht

Wir liegen am Strand und bereiten uns auf den Abend vor. Trotz rauschendem Meer und knisterndem Lagerfeuer kommt irgendwie keine richtige Stimmung hoch. Nein, nicht weil wir Männer nicht solche Momente genießen könnten! Wir hatten ja alle zur Sicherheit ein kühles Sixpack dabei. Fürs Vorglühen und natürlich gegen die Hitze. Dennoch, der Funke wollte nicht so recht überspringen – oder waren wir von den Vortagen bereits ausgepowert? Wir waren schon ein paar Tage hier in Spanien. Heute wollten wir es deshalb etwas ruhiger angehen, aber so ruhig nun wieder auch nicht.

„Uahhhhh“, gluggert es plötzlich aus ihm heraus, während er wie eine Qualle ausgebreitet daliegt und wellenförmig zu zerfließen droht. „Oh man bin ich breit“, presst er noch mit letzter Kraft heraus und scheint in sich hinein zu plumpsen. Nur die Bierflasche ragt markant aus dieser gänzlich amorphen Masse heraus. Die hält er sicher in seiner rechten Hand hoch, voll umfasst und schüttelt sie immer wieder. Sein Kopf hebt sich wieder und seine zugespitzten Lippen suchen den Flaschenkopf, nur sein Körper scheint ihm nicht ganz folgen zu wollen. „Boah“, stößt er wieder aus, „bin ich besoffen!“

Jetzt fängt er aber an zu nerven. Aber – Moment mal, denke ich mir, während ich allmählich aus der Lethargie erwache. Ja, genau, das war es! Jetzt bin ich wach. Die ganze Zeit über passte hier doch etwas nicht!

Vier hatte ich bereits geschafft. Mein Bauch war voll, ich hingegen fühlte mich seltsam klar und das lag bestimmt nicht an der erfrischenden Meeresluft. Weder vertrug ich allzu viel, noch waren wir lang genug im Urlaub, um aus mir einen geübten Trinker zu formen.

„Ich merke nichts!“, stelle ich irritiert fest und blicke die anderen beiden an. Der eine schüttelte den Kopf und der andere zuckte nur mit den Schultern. Ich schaue mir die Bierflasche daraufhin genauer an. Auch wenn die Schrift zu klein und das Lagerfeuer nicht unbedingt hilfreich sind, scheitere ich nur an meinen nicht vorhandenen Spanischkenntnissen. Nur eines konnte ich gerade noch so erkennen – eine Zahl.

„0,1%“!

Das Etwas von einem Nichts

Bedeutet das wirklich das, was ich denke? Nicht einmal ein Tropfen Alkohol! Abrupt drücke ich unserem spanischen Kumpel Jesus das Bier direkt unter seine große Nase.

„Cheeesuuus“, rufe ich lautstark und spreche das „J“ wie ein „Ch“ aus, das sich wie ein Schnarchgeräusch anhört, der einen selbst aus dem Schlaf herausreißt. „Was steht da drauf!“.

Ich klinge etwas gereizt und sauer. Er bleibt ruhig. Liest gemütlich. Buchstaben für Buchstaben. Lässt sich viel Zeit. Es ist still. Die Blicke sind auf ihn gerichtet. Dann hebt er gelassen seine eigene Flasche und liest auch den Text darauf. Gibt dem drittem im Bunde ein lautloses Zeichen, um sich auch sein Bier anzuschauen.

Dann sagt er ganz trocken „Alkoholfreies Bier“.

Schweigen. Nur das Feuer lodert zwischen uns weiter und lässt kurzweilig ein leichtes Entsetzen in unseren Gesichtern erkennen. Der unglaublich nette Kioskverkäufer hat uns verarscht! Wir hätten ebenso gut das Meerwasser saufen können! Oder aus dem Swimmingpool einen kräftigen Schluck nehmen können, da standen genügend Besoffene drin! Immerhin, endlich sind wir im Urlaub angekommen! Aber hatte er wirklich uns alle vier oder nur uns drei hereingelegt? Wir drei schauen uns an. Zu sagen brauchen wir uns nichts, denn wir haben alle drei den gleichen Gedanken – die Qualle! Sofort drehen wir uns, und unsere Blicke branden in seine Richtung. Er liegt noch immer mit dem Bier in der Hand. Entspannt wirkt er aber nicht mehr, eher irgendwie verkrampft oder erstarrt. Nur das Feuer flackert nervös in seinem Gesicht.

„Gib doch mal dein Bier her“, sage ich ihm mit einem leichten Grinsen.

Der Glaube, betrunken zu sein

An diese längst vergangene Episode meines Lebens musste ich wieder denken, als ich kürzlich über eine Studie las. Darin wurde die Placebo-Wirkung von Bier in einem anderen Zusammenhang wissenschaftlich untersucht.

In einem Versuchsteil dachten die Versuchspersonen, sie hätten Alkohol getrunken und seien betrunken – unabhängig davon, ob sie es tatsächlich getan hatten oder nicht[1]! In diesem Fall sollten sie ihre eigene Attraktivität einschätzen. Der Glaube, Alkohol getrunken zu haben führte dazu, dass sich die Versuchspersonen attraktiver einschätzten. Der Effekt sei somit nicht Folge des Alkoholkonsums, sondern der Selbstwahrnehmung, die vermutlich mit den sozialen Vorstellungen mit dem Alkoholkonsum zusammenhinge.

So kann ich mir vorstellen, dass jemand, der glaubt, Alkohol getrunken zu haben, sich etwas betrunken fühlt und sich entsprechend verhalten könnte. Doch die dramatischen Übertreibungen des als „Qualle“ vorgeführten Freundes liegen bestimmt nicht innerhalb seriöser Parameter und sind vermutlich eher dem männlichen Imponiergehabe zu verdanken.

Quellen & Links

[1] Research Digest – „Beauty in the eyes of the beer holder“ – people who think they’re drunk, think they’re hot
http://bps-research-digest.blogspot.de/2012/07/beauty-in-eyes-of-beer-holder-people.html?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed:+BpsResearchDigest+%28BPS+Research+Digest%29

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