Kinderspielereien

Kindereien

„Bist du so süß!“
Ihre Lippen formten dabei ein Ü und dehnten es so ungenießbar lang und überzuckerten es, dass man allein vom Zuhören Karies davon bekam! Das klingt gemein und ich muss zu ihren Gunsten zugeben, als Kind war ich wirklich ungemein süß.
„Wen liebst du mehr? Deine Mutter oder deinen Vater?“ tapsten sogleich die Worte einzeln aus ihrem zugespitzten Mund heraus und ein triumphierendes Lachen lauert dahinter.

Na klasse. Alle Blicke waren auf mich gerichtet. Auch die meiner Eltern. Sie schauten alle so gespannt. Warteten auf den Moment meiner Antwort, damit sie in heiteres Lachen ausbrechen konnten, gefolgt von überfallartigem und gekünsteltem Massenniedlichkeitsbekundungen. Wie viele wehrlose Kinder hatte sie bereits mit diesen Worten in den Hinterhalt gelockt!

Solch profane Fragen nervten mich aber auch schon so eine Weile. Da lernt man als Kind das Sprechen und dann kommen diese Erwachsenen mit so etwas selten Dämlichem! Diese offensichtlichen „Liebesbekundungen“ lagen mir nicht. Fast so schlimm wie diese eklig-nassen Schmatzer, die nicht nur so viel Unterdruck erzeugten, als würde es einem die Wange herausreißen, sondern auch so laut waren, dass mein Trommelfell für Sekunden in Ohnmacht fiel. Damals dachte ich, wer liebt, der fügt dem Geliebten etwas Schmerz zu! Oder wollten sie mich nur auf das spätere Leben vorbereiten, indem sie mich auf den Zusammenhang zwischen Liebe und Schmerz auf so plastische und eindringliche Weise hinwiesen.

Was machte ich also? Ich kannte diese Frage bereits. Andere Kinder waren vor mir dran. Also wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es auch mich traf. Die Erwachsenen waren so vorhersehbar! Meinten sie, das sei eine tolle Frage oder wussten sie einfach nicht, wie sie sonst mit Kindern kommunizieren sollten? Keine Ahnung. Was ich wusste: sie würden diese Frage in allen Variationen wiederholen, begleitet von piepsigen Möchtegern-Knuddelstimmen und Niedlichkeitsgesten. Sie würden nie Ruhe geben, bis ich zu alt dafür wurde. Aber das lag noch eine Ewigkeit vor mir! Für ein Kind, das gerade mal den Kindergarten besuchte, war jedes Jahr so unglaublich lang. Kein Vergleich zu heute, wo Tage einfach verschwinden und dir das Gefühl vermitteln, als würde dein Leben an dir vorbeirauschen während du gerade dich auf den Weg machst, es zu leben. Egal, ich nahm mir vor, die Frage nicht zu beantworten oder die Antwort hinauszuzögern, irgendwie ihr Spiel zu durchkreuzen, ihnen den Spass zu nehmen und vielleicht sogar mir einen Spass daraus zu machen.

Ich hatte mich also vorbereitet. Ich hatte mir die längste mir bekannte Liste ausgedacht und zusammengestellt. Meine Eltern setzte ich absichtlich an die letzte Stelle. Das war zwar gemein, aber sie ließen das ja zu. Also fing ich an:

„1. Gott.“
„2. Unser Prophet.“
Hier war ich mir nicht sicher, ob ich doch nicht vorher die Engel nennen sollte.
„3. Die Engel.“
„4. Atatürk.“
Keine Ahnung, wer das war, aber den Namen hatte ich bei den Erwachsenen häufiger ehrfurchtsvoll gehört. Mehr fiel mir auch nicht ein. Hätte ich weitere Namen, ich hätte sie alle eingebaut.
„5. Meine Eltern.“
Alle waren dermaßen beeindruckt, dass ihnen nicht auffiel, dass ich meine Eltern nicht einzeln, sondern gemeinsam genannt hatte. Es herrschte ein kurzer Moment der Stille. Verdutzte Gesichter. Ja, ich war schon stolz auf mich. Das war eine Liste, die sich sehen lassen konnte, und jedes Mal, wenn ich dann diese Liste vortrug, wuchs sie ein Stückchen. Ich hatte ihr Spiel durchkreuzt!

„Wow! Bist du intelligent!“

So ein Mist. So etwas spricht sich schnell herum! Plötzlich galt ich als unglaublich intelligent und wurde jetzt zwar bewundert anstatt beschmatzt zu werden, aber jetzt stellte man mir noch mehr Fragen und der Kreis meiner „Bewunderer“ wuchs. Tja, wäre ich damals wirklich klug genug gewesen, dann hätte ich es nicht so weit kommen lassen und ihre erste Frage mit einem unschuldigen, aber unniedlichem „Ka-ka?“ beantwortet.

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Nachtrag
In der Zwischenzeit wurde mir meine Intelligenz mittels eines Tests bestätigt und das Wort „süß“ verfolgt mich noch immer