Finanzkrise oder die Schaffung einer Irrealität aus sich selbst


„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Albert Einstein

Im Jahre 2007 wurde ich zunehmend nervöser. Beobachtete täglich die Nachrichten, die Kurse, alles, von dem ich ausging, es kündige den großen bevorstehenden Crash im Finanzsektor an. Ich wurde nicht schlau daraus. Also setzte ich mir eine Marke, und als der Wert meines Depots diesen Wert unterschritt, verkaufte ich. Ich machte keine Verluste, nur der Gewinn fiel geringer aus. Vorbei waren die Zeiten, an denen ich mir den Kopf zerbrach, wie ich Kapital aus dem bevorstehenden Crash ziehen könnte. Seit Ende 2005 hatte ich von der bevorstehenden Subprime Mortgage Krise gehört und verfolgte das Thema im Internet – wo sonst!

Subprime Mortgage, das ergab meine Google-Suche, waren minderwertige Hypothekendarlehen. Darlehen, die an Menschen mit fragwürdiger Bonität vergeben wurden, die damit Immobilien kauften. Darlehen, so fand ich heraus, die sie nie abbezahlen konnten!

Das kann nicht sein, dachte ich mir. Ich mit meinen kümmerlichen Wissen weiß doch nicht mehr als die Profis an der Wall-Street, die Hedgefond-Manager oder wer auch immer. Also versuchte ich mehr über das Thema in Erfahrung zu bringen. Dann tauchten jene für mich unverständlichen Begriffe wie Short, Long, CDS, CDO, Mezzanine, Tranchen und diverse andere auf, an die ich mich nicht mal mehr erinnere. Egal, was ich machte, all das entzog sich meiner Sphäre als stammten sie von einem anderen Planeten. Auch jetzt – Jahre nach der Krise – habe ich sie nur rudimentär verstanden. Aber jetzt – nach all den Jahren – weiß ich auch, dass diese Produkte niemals dazu geschaffen wurden, dass man sie einfach verstand oder durchdringt, sondern vielmehr dienten sie zur Verschleierung und lenkten vom Wesentlichen ab! Der ganzen Miesere der Finanzkrise liegt bei all ihrer Komplexität etwas ganz simples zugrunde! Es ist so simple, dass man es einfach nicht glauben kann und sich immer wieder kopfschüttelnd sagt – nein, das kann nicht wahr sein!

Vereinfachungen dienen dem besseren Verständnis. Mir ist bewusst, dass sie nicht der Wirklichkeit in all ihren Facetten gerecht werden können. Diese Simplifikationen vermittelten mir das Aha-Erlebnis, bei dem ich das Gefühl des Verstehens hatte, da ich ein völliger Laie auf diesem Gebiet bin. Zu verdanken habe ich das dem Buch »The Big Short – Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte«* von Michael Lewis [1].

Wie funktioniert das Ganze nun?

Herr R. lebt in Amerika und verfügt nur über ein Jahreseinkommen von 14.000 $. Er geht zur Bank und bekommt ein Hypothekendarlehen in Höhe von $ 750.000! Wenn also Herr R. sein komplettes Jahreseinkommen zur Rückzahlung seines Kredites nutzen könnte, dann würde er also mindestens 54 Jahre dafür brauchen! Um realistisch zu bleiben – er wird nie im Leben diesen Kredit abbezahlen können!

Wieso bekommt er aber dann solch einen Kredit?

Diese Frage, warum ihm dennoch ein Kredit gewährt wird, ist berechtigt und wichtig, aber nicht mein eigentliches Thema. Nur so viel: zu jener Zeit wurden mit günstigen Lockkrediten mit einer Laufzeit von zwei Jahren Menschen zum Kauf von Immobilien bewegt. Als die Zinsen dann stiegen, kümmerte dies auch keinen, denn gleichzeitig stiegen die Immobilienpreise. Mit dem „Wertgewinn“ der Immobilie konnten weitere Darlehen aufgenommen werden, um die bestehenden Kredite zu bedienen, was auch üblich bei den amerikanischen Verbrauchern zu sein scheint. Nicht nur das, es wurden sogar weitere Immobilien erworben, statt die Kredite zu bedienen, da auch sie ja im Wert steigen sollten. Davor, dazwischen und danach befanden sich Menschen, die an Gebühren und Provisionen etc. genug verdienten, die Verluste trugen später andere.

Des Pudels Kerns ist nur eine Frage

Also funktionierte diese Luftnummer, die sich selbst bis zum Platzen nährte, solange die Zinsen moderat waren und die Häuserpreise stiegen. Wenn aber die Zinsen steigen oder die Preise für Immobilien stagnieren würden – was passiert dann?

Genau diese Frage stellten sich eine kaum handvoll Menschen. Es war die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang, die zu der Katastrophe im Jahr 2007 führen sollte. Die Banalität und die daraus abgeleitete Konsequenz irritierten diese Menschen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Herr R. den Kredit nicht mehr bedienen konnte! Zwei Fragen schossen jenen Menschen dabei durch den Kopf:

Wie kann ich mit damit Geld machen und wieso ist keiner vor mir auf diese einfache und doch geniale Idee gekommen?

Die Verlockung, mit dem Ersteren leicht viel Geld zu machen überwogt die Skepsis und Zweifel durch das Letztere, denn es handelte sich bei diesen Menschen um Investoren.

Gelddruckmaschine Kreditausfallversicherungen

Die Antwort auf die Frage „wie kann ich mit damit Geld machen“ gestaltete sich nicht einfach, denn man wusste zwar, dass der Kreditnehmer irgendwann nicht mehr seinen Zahlungen nachkommen würde, aber nicht den genauen Zeitpunkt. Man brauchte also trotz der unbestimmten Zeit ein kalkulierbares Risiko, sprich ein Investment. Und man wurde fündig! Das bekannte Zauberwort lautete Kreditausfallversicherungen (CDOs) und funktioniert recht einfach:

Ich schließe eine Versicherung für den Fall ab, dass der Hypothekenkredit von Herrn R. nicht in den nächsten 10 Jahren zurückgezahlt werden kann.

Dies wirft wiederum zu klärende Fragen auf und keine davon lautet – warum darf irgendjemand eine Versicherung auf den Kreditausfall des Herrn Rs abschließen! Darauf habe ich bis heute keine Antwort. Die Frage, die sich die Investoren separat voneinander gestellt hatten lautet, wie teuer so eine Versicherung sei. Die Antwort darauf konnten sie selbst nicht fassen!

Fatale Versicherungsprämie

Hat man einen Kredit in benannter Höhe, dessen Rückzahlung mittels einer einfachen Division als utopisch demaskiert wird – was wäre dafür eine angemessene Höhe, die eine Versicherung dafür berechnen sollte? Jeder Mensch mit vernünftigem Verstand würde niemals so eine Versicherung eingehen oder nur mit sehr hohen Gebühren!

Als aber die jährlichen Gebühren sich auf 200 Basispunkte pro Jahr beliefen, das entspricht 0,2% der Versicherungssumme, konnten die Investoren das nicht fassen. Hatten sie etwas übersehen oder wusste die andere Seite mehr als sie? Die 0,2% bedeuten, dass sich die jährlich Gebühren für die Versicherung der Hypothek in Höhe von $ 750.000 auf gerade einmal $ 1.500 beliefen! Die Versicherung hatte eine Laufzeit von 10 Jahren. Somit stand dem maximalen Aufwand von $ 15.000 ein Gewinn von $ 750.000 gegenüber! Da aber mit einem 100% Ausfall zu rechnen war – vermutlich nach zwei Jahren wegen der dann steigenden Zinsen oder nach ein paar wenigen Jahren nach dem Platzen der Immobilienblase, hatte man ohne Risiko einen sagenhaften Gewinn, der für jeden eingesetzten Dollar das mindestens das 50fach herausbekam!

Irrsinn!

Wie ist das möglich? Wie kann diese Versicherung zu solch günstigen Bedingungen abgeschlossen werden? Nach langem Recherchieren stieß man auf die folgende Erklärung. Der Versicherer nahm an, dass nur 5% der Hypotheken im Immobilienbereich bisher ausgefallen waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kredit von Herr R. ausfiel, bezifferten sie auf 5%. Tatsächlich lag er bei 100%! Man nutze also die Daten der Vergangenheit, um auf die Zukunft zu schließen. Herr R. selbst interessierte da wenig. Er war nur im Datenpool mit allen anderen im Durchschnitt erfasst. Fiele er aus, dann würde die Versicherungsgesellschaft zwar einen Verlust hinnehmen, aber es wäre halt nur einer, einer aus den kalkulierten 5%. Womit sie aber nicht rechneten ist, das was jeder Mensch macht, wenn er glaubt, auf eine Goldgrube gestoßen zu sein – nämlich weitergraben! Er sucht wie verrückt weitere Kreditnehmer wie Herr R. und organisiert Kapital, um so viel wie möglich davon zu versichern!

Ratingagenturen

Was jetzt aber passierte, setzt dem vorgegangenen Irrsinn einen drauf! Die Versicherungen wurden zu Paketen gebündelt, die nur Schrottpapiere enthielten und die niemand mehr durchblickte. Dennoch wurden sie in der Summe von den Ratingagenturen als Toppapiere mit Bestnote bewertet. Das bedeutet, nicht nur das der Schrott gebündelt besser bewertet wurde als wäre sie einzeln bewertet worden, sondern die Ratingagenturen bewerteten sie, ob wohl sie nicht wussten, was sich wirklich darin befand! Auch viel später, als klarer wurde, worum es da eigentlich geht, korrigierten die Ratingagenturen ihr Rating nicht, da sie damit viele Geschäfte machten und die nicht an die Konkurrenz verlieren wollten. Dank der Top-Bewertung blieben die Gebühren für die Versicherungen sehr gering. Nur hatte sich das Volumen dramatisch erhöht! Sie hantierten weiter mit den 5%, da sie den gebündelten Paketen einfach unterstellten, sie seien Diversifiziert, d.h. durchmischt mit vielen guten und wenigen schlechten Papieren, so dass das Risiko gestreut sei und niemals alles auf einmal ausfallen würde.

Schaffung eines künstlichen Markts

Natürlich blieb das Gebaren dieser Investoren nicht unentdeckt, also gesellten sich andere dazu. Ein „Markt“ war geschaffen. Diese wenigen Investoren waren es also, die das Monster zum Leben geweckt hatten und nun für immer mehr Futter sorgten. Mit jedem Mahl wurde das Monster gieriger und gieriger und sein Hunger unstillbar.

Irgendwann gab es keine unbesicherten Hypothekenkredite mehr, also drehte man jedem der wollte, einen Immobilienkredit an. Auch das stieß bald auf seine Grenzen, also schaffte man künstliche Versicherungen, die im Grunde die bestehenden „vermehrten“, so dass statt einem Investor jetzt 100 Investoren gegen Herrn R. sich versicherten konnten! Dabei flossen Milliarden denen das zigfache an Milliarden gegenüberstanden, die im Falle von Kreditausfällen ausgezahlt werden mussten. Dies ist der Moment, an dem die Realwirtschaft oder die Realität keine Rolle mehr spielte. Das System hatte aus sich selbst heraus etwas Irreales geschaffen und sich von den Fesseln des Realen befreit!

Wer zahlt das?

Es war nur eine Frag der Zeit, dass die Kredite in einem hohen völlig unterschätzten Maße ausfielen. Blieb nur die Frage offen, wer das alles bezahlt? Denn jedem Investor auf dieser Seite stand jemand auf der anderen Seite gegenüber, der die Versicherung auszahlen musste.

Fanden die Investoren das heraus, versicherten sie sich auch gegen diese „Versicherer“. Ihre erste Versicherung führte also dazu, dass sich der „Versicherer“ selbst „verhob“ und damit boten sie weitere „Invesitionsanlagen“! Das kann man natürlich weiterführen bis zu den Staaten, die diese „Versicherer“ wiederum retteten und auch Gegenstand der Spekulationen wurden.

Später entpuppten sich die großen Wall-Street Banken Merrill Lynch oder Citigroup als die Verlierer auf der anderen Seite, die diese Verluste ihrer Investmentabteilung/Banken zu verdanken hatten. Aber der eigentliche große Verlierer bleibt stets der Bürger! Er muss immer bezahlen, ungeachtet dessen, ob es sich dabei um seine Schulden oder die des Staates handelt oder wie in diesem Fall die Schulden der Banken!

Effizienz der Märkte

Vieles von dem ich hier geschrieben habe, bleibt für mich mysteriös  und undurchsichtig. Bestimmt finden sich auch darin Fehler. Für mich bleibt die „Effizienz der Märkte“ ein Mythos, geschaffen, um sich aller Einmischungen und Restriktionen von außen zu erwehren, so dass einige wenige ungestört ihr Spiel weiter spielen und viel Geld damit „verdienen“ können. Dabei interessiert diese Spieler der Schaden, den sie bei Aktionären, Staaten und Bürgern verursachen, nicht im Geringsten. Sie schaffen keinerlei Werte – auch nicht in der Wirtschaft, sondern richten großmöglichsten Schaden an! Die Krise und ihre Nachwirkungen wüten noch heute. Die Schuld aber wird bei anderen gesucht. Die nächste Krise grüßt bestimmt.

Ich jedenfalls bin froh, nicht nur dass es mir damals nicht gelungen ist, herauszufinden, wie ich Wetten auf den Ausfall von Immobilienkrediten abschließen hätte können, sondern auch jetzt noch immer nicht weiß, wie es geht! Denn – es erfordert schon Charakter, nicht bei einer sicheren(!) Wette mitzumachen, dem im Idealfall einem Einsatz von 1.500 $ an die 750.000 $ „Gewinn“ gegenüberstehen…

Links & Quellen

[1] Michael Lewis, The Big Short – Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte*

(* = Affiliate Link zu Amazon)

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