Departed und das vergangene Bild

Departed - (c) copyright 2006 by Warner Bros. Pictures
Departed - (c) copyright 2006 by Warner Bros. Pictures

Es sind Kleinigkeiten in unbedachten Momenten, in denen der Charakter eines Menschen sich uns für einen kurzen Augenblick zeigt. Diese Momente gewähren uns einen kleinen Einblick, wie dieser Mensch zu uns und zu sich selbst steht.

„Das bin ich“, antwortet sie zaghaft bevor er überhaupt eine Frage gestellt hat. Es ist ihr Bild, auf dem sie als kleines Kind dem Betrachter offen und unbeschwert entgegen lächelt. An der unscheinbaren Wand direkt neben dem Türrahmen und der Gardine hängt es vereinsamt herum. Es hängt unten. Weit unten, ungewöhnlich weit unten. Es hätte auch direkt auf der Kommode stehen können. Es fällt kaum auf. Doch Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) entdeckt es, während er sich verlegen im Zimmer umschaut, denn eigentlich dürfte er nicht hier sein, eigentlich dürfte sie nicht hier mit ihm alleine sein.

Es ist das Bild, das sie mit in die gemeinsame Wohnung mit Colin Sullivan (Matt Damon) in einem Karton mitgenommen hatte. Colin nahm es aus einfach heraus, als er es entdeckte. Sie lächelte voller Vorfreude. Sie hatte einen Teil, einen wichtigen Teil ihres Lebens in diese Wohnung gebracht. Zu dem Mann, den sie liebte, mit dem sie nicht nur ihre Gegenwart, sondern auch Zukunft verbringen wollte. Sie freute sich über sein scheinbares Interesse. Wollte alles über sich erzählen und mit ihm teilen. Ihre Vergangenheit war ein wichtiger Teil ihres Lebens. Vor allem für Sie als Polizeipsychiaterin, die sich beruflich mit der Psychoanalyse beschäftigt. Vergangenes spielt nicht nur in der Psychoanalyse eine immense Rolle, sondern machte aus Colin und Billy das, wozu sie geworden sind. Doch Colin nimmt das Bild und packt es weg noch bevor sie richtig auspacken konnte. Nichts will er von ihrer Vergangenheit wissen, denn seine stünde ja auch nicht zur Schau. Sie schaut etwas verwundert in diesem Moment. Vielleicht denkt sie sich – wer ohne Vergangenheit ist, der hat auch keine Zukunft. Wer meine Vergangenheit ignoriert, der interessiert sich nicht für mich. Der ignoriert das, was mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich bin. Dieser Mensch versteht mich nicht. Dieser Mensch sieht mich nicht.

Genau dieses Bild nimmt Billy in die Hand. Dreht sich zu ihr um und hält es spielerisch in Kopfhöhe. Blinzelt mit den Augen, so dass er mal mit dem einen Auge das Bild und mal mit dem anderen Auge sie sehen kann.

„Ja“, sagt er, „das sieht man“. Dann dreht er sich wieder zur Wand um. Er will das Bild an die alte Stelle hängen. Doch er zögert kurz und hängt das Bild höher auf – auf Augenhöhe. Er hat etwas verändert. In ihrem Leben. In ihr.

Sie lächelt verlegen und dreht sich zum Wasserkocher, der immer lauter wird. Sie wendet sich ihm wieder zu. Betrachtet ihn. Möchte ihm etwas sagen. Nicht irgendetwas. Vor allem nichts Einfaches.

„Ihre Sensibilität“, sagt sie dann, „bringt mich ziemlich aus der Fassung.“ Die Worte kommen nur zögerlich. Jetzt ist es raus. Sie schließt die Augen für einen kaum wahrnehmbaren Moment. Neigt dann leicht ihren Kopf.

„Ist sie echt?“ Jetzt schaut sie in direkt an.

„Ich denke schon.“

Alles, was Billy macht, ist jobgedingt eine Lüge. Nur bei ihr ist er echt. Er sucht ihre Nähe, ihre Hilfe und lässt sie an sich heran. Auch sie kann sich ihm nicht verschließen, denn er berührt mit seiner Art und seinen Worten ihr Inneres und hebt sie wie das Bild zu sich „empor“. Alles, was Colin im Job hingegen macht, ist eine Lüge. Auch bei ihr.

Am Ende wird Madolyn schwanger. Ob Colin oder Billy der Vater ist, bleibt offen. Unbewusst hat sie sich jedoch für Billy entschieden.


Ein Gedanke zu “Departed und das vergangene Bild

Mentions

  • Departed und das vergangene Bild | fxhakan | BLOG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.