Inception und unser Totem

Über das Leben wird gemunkelt, es ergäbe einen Sinn im Rückblick, gelebt aber werden müsse es vorwärts. Im Unterschied zum Leben kann man einen Film „zurückspulen“. Wer den Film „Inception“ [1] gesehen hat, wird verstehen, was ich meine.

Wie die Teile eines Puzzles fügen wir die Schnipsel Stück für Stück zu einem unvollständigen Bild zusammen. Scheinbar baut sich vor uns ein stimmiges und in sich schlüssiges Ganzes auf. Zu Letzt fehlt nur noch ein Stückchen, dessen Platz nicht nur vorherbestimmt zu sein scheint, sondern wir haben auch eine vage Vorstellung dessen, wie es  auszusehen hat, denn es scheint ja nur noch ein kleines Stückchen vom Ganzen zu sein. Im Grunde haben wir uns im Geiste das fehlende Puzzlestückchen ausgemalt und in das Bild hineingesetzt. Wir warten nur noch auf unsere Bestätigung.

Und plötzlich erleben wir eine Überraschung! Das letzte Puzzlestückchen stößt unsere gesamte, wohldurchdachte Konstruktion um. Zwar haben sich die einzelnen Puzzleteile nicht verändert und doch – das Gesamtbild stimmt nicht mehr! Das habe ich am Ende des Films „Inception“ erlebt.

So nahmen sich dann einige vor, den Film ein zweites Mal sich anzuschauen. Sie hatten die Hoffnung, dem Film seine Wahrheit zu entlocken oder auch nur ein paar unachtsame, verräterische Hinweise zu erhaschen. Aber der Film wurde wie ein unlösbares Rätsel von seinem Architekten dem Regisseur Christopher Nolan konstruiert, der seine Wahrheit hermetisch verschließt. Öffnen wir wie Cobb den Tresor und nehmen das Totem heraus, um damit die Realität des Traums zu widerlegen, dann wird sein Totem, das zuvor das seiner Frau war, zu unserem Totem, an dem wir uns klammern!

Was wir vorfinden gleicht einem Bild von M.C. Escher [2], in dem wir uns unendlich bewegen können, in dem verschiedene Perspektiven möglich und richtig sind. Führt man all diese Sichten zusammen, erschließt sich einem eine faszinierende und kaum greifbare Konstruktion. Ebenso wie der Kreisel drehen wir uns um uns selbst und glauben, der Wahrheit uns damit immer mehr zu nähern.

Als am Ende sich der Kreisel weiterdreht, wurde es bereits zu unserem Totem. Cobb schenkt dem keine Beachtung mehr. Nur wir möchten ihm zurufen – dreh dich um! Dabei hatte er uns bereits gesagt, dass dies nur ein Traum sei und nicht die Realität – er, der nicht real ist! Die Traumfabrik Hollywood hat uns in seine Traumwelt verführt. Wieder einmal. Vielleicht verweilen wir zu häufig und zu lange in Traumwelten. Vielleicht wünschen wir uns manchmal, sie würden nie enden oder sie würden real sein oder die Realität wie ein Traum…

Eigentlich passen sich nicht die Puzzleteile unserem Bild an, sondern formen unsere Vorstellung von dem Bild Stück für Stück um. Die einzelnen Stückchen verführen uns in eine Illusion . Die Wahrheit aber ist kein Bildnis. Es gibt keine Wahrheit. Es gibt nur Wahrheiten. Das ist die Wahrheit. Der Rückblick bleibt eine weitere, faszinierende Perspektive.

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Links & Quellen

[1] Wiki – Inception
http://de.wikipedia.org/wiki/Inception

[2] Wiki – M.C. Escher
http://de.wikipedia.org/wiki/M._C._Escher


2 Gedanken zu “Inception und unser Totem

  1. Treffend beschrieben! Ich wollte u.a. das Paradoxe, Widersprüchliche und Unendliche zum Ausdruck bringen. Diese Motive werden filmisch beeindruckend in Inception umgesetzt – nur noch viel komplizierter, verschachtelter und tiefsinniger als ich es in diesem kurzen Statement darstellen konnte.

    Den Film kann ich nur empfehlen. Und natürlich genaues Hinschauen…

    Wünsche dir viel Spass dabei und würde mich anschließend interessieren, wie du den Film dann fandest…

  2. Ich denke, den Film sollte ich mal schauen. Jedenfalls macht mich Dein Beitrag neugierig. Irgendwie musste ich beim Lesen an GEB Gödel, Escher, Bach – ein endloses geflochtenes Band von Hofstadter denken. Mag sein, dass es an Deiner Ausführung zu Escher und seinen perspektivischen Bildern liegt oder aber ich hatte sofort den Gedanken an Schleifen und Paradoxa im Kopf. Für mich bleibt die faszinierende Perspektive auf den Rückblick auf… Inception

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