Arm, dumm, hässlich – selbst schuld!?

provocation

Du bist arm?

Du bist dumm?

Du bist hässlich?

Dann bist du selbst schuld!

So meine eigenwillige, subjektive Interpretation des Spiegelartikels „Gleich und gleich gesellt sich zu gerne“ vom 29.03.2011 [1]! Der Artikel stellt die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vor, aus der der Spiegel folgert, dass die Kluft zwischen Arm und Reich aufgrund der Partnerwahl wachse. Danke für die Beleidung und Provokation!

Die Studie als Primärquelle liegt exklusiv dem Spiegel vor. Daher hatte ich keinen Zugang zur Studie und kann diese nicht direkt bewerten. Den Spiegelartikel habe ich über die NachDenkSeiten[2] entdeckt.

„Gleich und gleich gesellt sich zu gerne“

Der Titel des Spiegelartikels lehnt sich an das bekannte und weit verbreitete Sprichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern“ an. Empirische Analysen der letzten Jahre haben dies sogar bei der Partnerwahl bestätigt. So suggeriert der Artikel, als handle es sich hierbei um eine altbekannte Wahrheit. Das Geschriebene erscheint unumstößlich, quasi als ein Naturgesetzt, das nicht in Frage gestellt werden kann. Es sind nicht die widrigen, äußeren Umstände, die zur Armut oder zum Wohlstand führen, sondern allein das über Jahrhunderte sich evolutionär bewährte Auswahlverfahren des Partners für die Fortpflanzung sind die Ursache hierfür!

Damit könnte man zu Recht behaupten, jemand der arm ist, sei selber schuld, denn der Wohlhabende habe es doch geschafft! Berücksichtigt man, dass eigentlich die Frauen entscheiden, mit wem sie sich fortpflanzen, dann läge es genau auf dieser Argumentationslinie, zu behaupten, dass letztlich Frauen an allem schuld seien! Würden Frauen sich nicht mit armen oder dummen oder hässlichen usw. Männern paaren, dann wären die längst ausgestorben! Ebenso sind Frauen dann auch verantwortlich für all die Gewalt, Kriege und natürlich Welthunger! Amen!

Korrelation ist nicht Kausalität

„Warum geht die Schere zwischen Arm und Reich auseinander? Forscher haben dafür jetzt eine überraschende Antwort gefunden: Das Problem sind nicht die wachsenden Lohnunterschiede, sondern das Paarungsverhalten. Die Deutschen suchen sich häufiger Partner mit dem gleichen Einkommen.“ [1]

Es ist schon beeindruckend, wie viel man in einem einzigen Absatz bereits falsch machen kann! Die Wissenschaft versucht, herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zwischen verschiedenen Faktoren gibt und wie dieser aussieht – auch Korrelation genannt. Das Ergebnis beschreibt die Beziehung zwischen den Faktoren anhand von Wahrscheinlichkeiten. Ist dieser Zusammenhang signifikant, dann bedeutet das für jemanden der arm ist, dass bei ihm die Wahrscheinlichkeit höher als bei anderen ausfällt, jemanden armen als Partner zu haben oder zu bekommen.

Aber keine seriöse wissenschaftliche Arbeit würde daraus schlussfolgern und damit einen Kausalzusammenhang herstellen (Ausnahme: Korrelationskoeffizient von 1), dass die Kluft zwischen Arm und Reich wachsen, weil die Menschen nur mit Menschen ähnlichen Einkommens Beziehungen eingehen. Das bedeutet also, nicht die Ungleichverteilung des Vermögens oder Einkommens ist schuld an der Misere, sondern der Artikel tut so, als wäre sie das Ergebnis der Partnerauswahl! So als hätte man eine Wahl zwischen arm oder wohlhabend. Sie tut auch so, als sei das Einkommen eine fixe Größe, die sich nicht mehr verändert! Wer also arm ist, bleibt es auch. Schön für den, der wohlhabend ist.

Hier hat man Ursache und Wirkung völlig verdreht!

Mehrwert? Gleich Null!

Mir stellen sich sofort viele Fragen! Warum wird oder ist ein Mensch arm? Warum bleibt er arm? Oder schotten sich bestimmte Gesellschaftsschichten immer mehr ab? Oder liegt es daran, dass arme Menschen am sozialen Leben nicht teilnehmen können oder wollen, weil sie demotiviert sind?

Was ist mit dem Lohn, der nicht mehr ausreicht? Oder, dass man früher durch anständige Arbeit einen gewissen Wohlstand sich erarbeiten konnte? Warum bleiben die Kinder der Armen arm? Was ist mit dem berühmten Tellerwäscher, der zum Millionär wird? Oder das Beispiel der Sekretärin?

Wie kann eine Sekretärin arm sein und dennoch ihre Position unter einem Manager halten, in der sie sich rein äußerlich gut präsentieren muss? Bedeutet das für sie nicht, regelmäßige Ausgaben für Arbeitskleidung etc.?

Oder arbeiten die Menschen vielleicht zu viel und schränken ihre Auswahl damit ein? Oder sind die gestiegenen Arbeitslosenzahlen schuld daran, denn wer nicht arbeitet, hat keine Auswahl beim Arbeitsplatz, dem größten Heiratsmarkt? Oder haben die Menschen größere Existenzängste, weil die Schere zwischen Arm und Reich stetig wächst und achten daher vermehrt auf das Monetäre beim Partner?

Was sagt die Paarforschung dazu? Ist es nicht so, dass bei Frauen Attraktivität und bei Männern der Status also auch Einkommen eine wichtige Rolle spielt?

Lauter Fragen! Also, was ist der Mehrwert des Artikels oder der Studie?

Schlusswort

Es fehlen nur noch die Empfehlungen wie „Schlafen sie sich hoch“ oder „Der Weg zum Harem“ und die Ankündigungen von weiteren Studien a la „Forscher entdecken das Armutsgen und den ansteckenden Harz IV Virus“!

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Quellen und Links

[1] SPON – Gleich und gleich gesellt sich zu gerne
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,753775,00.html

[2] NachDenkSeiten – Hinweise des Tages vom 30.03.11
http://www.nachdenkseiten.de/?p=8880

 


7 Gedanken zu “Arm, dumm, hässlich – selbst schuld!?

  1. Dem stimme ich zu, ändern kann es niemand es wird immer so bleiben, viele leben auch davon, für den einen positiv und dem anderen negativ, für mich sehr positiv.
    David 12629

  2. Hallo Christian,

    den richtigen Partner zu finden, führt zu einem zufriederen und besseren Leben;-) Alles andere gestaltet sich schwierig, denn man muss ja irgendwie wissen, ob es jemandem besser geht und wenn dem nicht so ist, woran das liegen könnte, daher finde ich Studie selbst interessant. Sie weist auf eine m.E. Fehlentwicklung hin, an der jeder von uns ansetzen kann, um „ein besseres Leben zu ermöglichen“.

    Nimmt mal den Wohlstand der Menschen als Maß für ein besseres Leben, dann haben wir m.E. nach „nur“ ein Verteilungsproblem…

  3. Statt solche albernen Theorien aufzustellen, sollte man sich lieber damit beschäftigen, Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.

  4. Hallo Anonymous,

    auch die eigentliche Aussage der Studie ist ja nicht falsch. Darin liegt der Witz. Die Frage ist nur, wie man etwas herleitet und was man daraus folgert. Vordergründig klinkt der SPON-Artikel plausibel, denkt man ihn aber zu Ende so wie ich das gemacht habe, dann komme ich zu Folgerungen, die das Ganze m.E. ad absurdum führen.

    Was die Partnerwahl betrifft, da spielen neben dem Status, Alter und Jugendlichkeit Kriterien wie Ähnlichkeit, Intellekt und Kreativität eine wichtigere Rolle, besonders in der Beziehung selbst. Es ist auch nicht so, dass jeder den Partner bekommt, den sie / er haben möchte. So beeinflussen mitunter die eigenen Möglichkeiten und Kompromisse die eigene Wahl.

  5. Der Artikel und Ihre Erklärungen könnten aber schon einen wahren Punkt aufzeigen: die Frauen suchen sich aus, mit wem sie sich fortpflanzen und (nicht nur diese sondern) alle Studien zeigen ganz klar auf, dass sie bis auf vernachlässigbar wenige Ausnahmen nur „nach oben“ heiraten, also einen Mann, der mehr Vermögen hat als sie selber. Dieses Verhalten ist sogar _mit Sicherheit_ einer der Auslöser dafür, dass keine Durchmischung der Schichten zustandekommt.

  6. „Gleich und gleich gesellt sich gern“ auf die sozialen Zustände zu übertragen, erinnert mich stark an Sozialdarwinismus.

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