Qualia oder wie es ist, keine Eltern zu sein

„Hast du Kinder?“

Sie schaut mich dabei direkt an. Provokant. War das wirklich eine Frage? Es klingt vielmehr wie ein Vorwurf, die sich als Frage schmückt. Ich schmunzle. Mit dieser Frage wird man häufiger von Eltern konfrontiert. Ein simpler rhetorischer Taschenspielertrick, ein Möchtegern-Totschlag-Argument, um sein Gegenüber zum Schweigen zu bringen. Nur, wer mich kennt, weiß, dass das bei mir im Grunde unmöglich ist;-)

Wie es ist, etwas zu wissen

Ich rede und vor allem diskutiere ich gerne. Ich rede sogar viel und schnell, sofern man meinem Umfeld Glauben schenken darf, aber vielleicht reden die auch nur so daher. Auf jeden Fall muss ich mich nicht dafür rechtfertigen, keine Kinder zu haben oder bei diesem Thema einfach die Klappe halten, weil das, was man als Nicht-Eltern sage, sei unwichtig oder falsch, weil wir es nicht wissen! Was wissen Eltern mehr oder plötzlich anderes, was man als „Außenstehender“ nicht wissen kann? Oder ist es mehr als nur Wissen und jenseits dessen? Und da wären wir schon bei meinem aktuellen Lieblingsthema.

Wie es ist, etwas zu sein

Wer sich mit dem menschlichen Geist beschäftigt, der trifft früher oder später auf das Qualia-Problem [1], das nach dem subjektiven Gehalt des Erlebten fragt oder einfacher formuliert, wie es ist, etwas zu sein bzw. wie es sich anfühlt. Die Frage, die in diesem Zusammenhang formuliert wird, lautet: wenn man alles weiß, weiß man dann wirklich alles? Oder weiß man mehr oder etwas anderes, wenn man es erlebt hat? Und hat diese Erfahrung eine Bedeutung für das Wissen oder ist sie irrelevant…

Wie es ist, Eltern zu sein

Die Veränderungen, die ich bei Menschen feststellen konnte, die Eltern wurden und vorher wie ich keine Eltern waren, empfand ich nie so gravierend. Fragt man allerdings die Eltern, dann hat sich in ihren Augen alles ver- bzw. geändert. Aber haben dann Eltern gegenüber Nicht-Eltern immer Recht, wenn es um Kinder geht? Wie sieht es mit Eltern aus, die nur ein Kind haben gegenüber Eltern mit mehr Kindern? Ich muss unweigerlich an Sendungen wie die Supernanny, Frauentausch oder an Talkshows denken, bei denen ich entsetzt in Gedanken ausrufe „die armen Kinder!“ Oder wie sieht es mit Erzieherinnen aus, die selbst keine Kinder haben? Sind sie schlechter als die mit Kindern?

Dis/qualia/fikation

„Nein“, antworte ich ihr. Meine Antwort hat sie aber gar nicht abgewartet. Während ich dieses eine kurze Wort aussprach, hatte sie sich mit einer wegwerfenden Handbewegung weggedreht. Das war‘s. Damit war das Thema für sie erledigt und ich disquali(a)fiziert! Ihre Reaktion überraschte nicht. Wieder musste ich schmunzeln. Einen kurzen Moment flackerten all die genannten Gedanken durch meinen Kopf. Die hätte ich alle triumphierend abspulen können.

Nein, denke ich mir, dann hätte ich mich ja gerechtfertigt und sogar ihren Vorwurf als Argument legitimiert und aufgewertet. Ich muss wieder schmunzeln. Schaue zu den beiden anderen Damen hinüber, die auch am Tisch sitzen.

„Ihr habt doch bestimmt einen Mann als Frauenarzt, oder!“

Sie lachen.

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Quellen & Links

[1] Wikipedia: Qualia
http://de.wikipedia.org/wiki/Qualia


4 Gedanken zu “Qualia oder wie es ist, keine Eltern zu sein

    Reposts

    • das ist doch...
    • Hakan von C

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