Schlaflos im Bett oder Email für mich

Email für dich

Als im Jahre 1998 Meg Ryan und Tom Hanks abends eine süße Stimme „Email für dich“ [1] aus ihrem PC ertönen hörten, waren sie in freudig-romantischer Erwartung. Damals war alles noch neu und frisch, Emails eine Seltenheit, abwechslungsreich und aufregend.

Weckruf

Heute sitzt noch kaum jemand vor dem PC und wartet auf eintreffende Nachrichten. Längst verfügt jeder über mobile Geräte, die von überall und zu jeder Zeit die Mails abrufen. Dabei handelt es sich nicht nur um private Mails, sondern betrifft ebenso oder vorwiegend den Job. Wenn mein MDA lautstark summt und brummt, greife ich reflexartig wie ein konditionierter Pawlowscher Hund zum Handy, um zu schauen, wer mir geschrieben hat und was mir geschrieben wurde.

Freiwilliger Selbstzwang

Das ist mein Firmenhandy. Als Berater habe ich eins. Während der Arbeit brauche ich es nicht, um meine Emails abzurufen, somit nutze ich es ausschließlich abends. Freiwillig! Wenn ich die Emails dann abends nach der Arbeit lese, handelt es sich nie um einen romantisch-verklärten Liebesbrief, sondern um harte, projektbezogene Fakten, die schnörkellos und ab und an dramatisch daherkommen. Das wird dann schnell aufregend und schlafraubend! Es gibt Abende, da bemerke ich auch eine gewisse Anspannung in Erwartung eines Anrufs oder Nachricht, obwohl nichts passiert! Am Wochenende kann sich das fortsetzen. Oder im Urlaub, die ersten Tage kann ich das Handy nicht einfach weglegen und ignorieren. Mit meinem Notebook ist es noch schlimmer!

Ausschalten!

Der Psychologe und Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley schaltet konsequenterweise sein Handy abends immer ab. „Es ist entspannend zu wissen, es kann dann kein Anruf mehr kommen.” [2] Dies sei wichtig, um zu entspannen und Entspannung sei der Königsweg zum Schlaf.

Nicht jeder hält das durch, zumal es sich nicht um etwas Geplantes, sondern sich um einen schleichenden und allmählichen Prozess handelt. Irgendwann kann man nicht anders, hat vielleicht die Befürchtung, etwas Wichtiges könnte einem entgehen oder man unterliegt der Illusion, etwas dadurch gewonnen zu haben! Hilfreich wäre, wenn alle Arbeitskollegen sich daran halten würden, daher unternimmt die Telekom einen ungewöhnlichen Schritt. Der Vorstand hat im Juni eine Richtlinie zum “Umgang mit mobilen Arbeitsmitteln außerhalb der Arbeitszeit” beschlossen [3].

„Unsere Mitarbeiter sind mit ihren Blackberrys und Handys ständig erreichbar – abends, am Wochenende, im Urlaub. Die meisten Angestellten und vor allem Führungskräfte fühlen sich dadurch verpflichtet, über ihre Arbeitszeit hinaus der Firma zur Verfügung zu stehen. Das wollen wir ändern“, begründet Mechthilde Maier das besondere Vorgehen.

Weiter führt sie aus, dass Mitarbeiter garantierte Frei- und Ruheräume bräuchten, in denen sie ungestört seien. Für Konzerne werde es immer wichtiger, dafür zu sorgen, dass sich Beruf und Privatleben besser vereinbaren lassen.

Außergewöhnlich scharfsinnig und bemerkenswert sind ihre weiteren Ausführungen zu dem Prozess, den sie durch ihr Erledigen von Mails zu ungewöhnlichen Zeiten in Gang setzt und den es zu Durchbrechen gilt:

„So löse ich gewollt oder ungewollt eine Kettenreaktion aus – und hole viele andere aus ihrer verdienten arbeitsfreien Zeit, die dadurch oft entwertet wird. Unsere neue Regelung durchbricht diesen Kreislauf. Ich überlege mir einmal mehr, ob ich die Mail wirklich zu diesem Zeitpunkt schreibe.“

Von der Telekom hätte ich nicht so eine Sensibilität und Weitsichtigkeit erwartet! Ich bin überrascht und gespannt, ob sich das dort durchsetzt und woanders Schule macht.

Abschalten

Zum Glück habe ich bei meiner Arbeit nicht solche Zustände, die Anlass zu dergleichen Maßnahmen erfordern würden! Dennoch sollte man für dieses Thema sensibilisiert sein. Übrigens, am Wochenende gelingt es mir bereits, dass Handy auszuschalten. Jetzt muss ich es nur noch abends nach der Arbeit schaffen… Bei aller Dramaturgie habe ich auch gelernt, dass nichts so schlimm sein kein wie die eigene fantasievolle Übertreibung;-)

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Quellen & Links

[1] e-m@il für Dich
http://de.wikipedia.org/wiki/E-m@il_f%C3%BCr_Dich

[2] Abends Computer ausschalten und Handy weit weg legen
http://portal.gmx.net/de/themen/gesundheit/psychologie/10624956-Mails-checken-oder-Surfen-ist-abends-tabu.html

[3] Sendepause für Telekom-Mitarbeiter – „Machen Sie jetzt Ihr Handy aus“
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,708104,00.html


3 Gedanken zu “Schlaflos im Bett oder Email für mich

  1. Hi André,

    was die Mails betrifft: bei uns erwartet zum Glück keiner, dass du abends oder am Wochenende die Mails liest oder gar beantwortest!

    Ich glaube, solche Dinge entwickeln sich ganz subtil. Man beginnt ganz unverfänglich und dann nimmt es allmählich zu und irgendwann wird es zum Selbstläufer. Ehe man sich versieht, beginnen sich die Dinge über das Wochenende auszubreiten. Daraus wird eine Erwartungshaltung, die keiner explizit formuliert hat. So stelle ich mir das zumindest bei der Telekom vor… Damit wäre für mich auch der anfängliche Vorteil, den man sich damit erarbeitet oder erhofft hat, verpufft…

    Deine Beschreibung der Email als asynchrones Medium ist treffend. Das ist, glaube ich, nicht jedembewusst. Man liest Mails sofort und versucht sie auch sofort zu beantworten. Eigentlich wäre es sinnvoller, die Mails nach einem festgelegten Vorgehen abzuarbeiten, dazu ein interessanter Beitrag im Otto-Office :

    „Email Organisation in Microsoft Outlook“
    http://www.otto-office.com/de/blog/email-organisation-outlook

  2. Am Wochenende bleibt mein Firmentelefon inzwischen auch aus, ich bin sehr froh dort endlich wieder sauber getrennt zu haben zwischen dem privaten und dem Firmentelefon. Wenn ich keine Bereitschaft habe, dann bin ich auch nicht zu erreichen.

    In der Woche bin ich da etwas unsauber, da ich aber keine Lust habe zwei Telefone mitzunehmen bleibt das Firmentelefon oft im Hotel. Wer soll da schon abends noch anrufen? Meine Kollegen (Leute wie du Hakan…) haben schliesslich meine private Nummer und können mich erreichen wenn es um Dinge wie eine Abendplanung geht. Wer berufliche Fragen hat kann sich an meine Mobilbox wenden.

    Die Ausführungen zu Mails sind mir ein bisschen fremd. Wenn ich z.B. am WE meine Mails noch abarbeiten möchte, dann tue ich das. Mails sind ein asynchrones Medium. Wenn sich jemand durch meine Antworten am WE genötigt fühlt ebenfalls am Wochenende seine Mails zu bearbeiten, dann tut es mit leid, aber das ist nicht mein Problem.

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